Das Unwort des Jahres 2007 wurde gewählt. Eine mutige und kluge Entscheidung mag man denken, insbesondere da es in diesem Jahr eine Wortschöpfung aus dem Bereich "Familienpolitik" getroffen hat.
"Herdprämie" prangt es uns nun aus allen Zeitungsregalen entgegen. Warum drängt sich nun das Gefühl auf, dass gerade die extrem-Feministinnen wie Alice Schwarzer eine Flasche Champagner öffnen? Etwa weil sich sich nach Jahrzehnten des erfolgreichen Kampfes gegen eine weibliche Frau nun eines Besseren hat belehren lassen und urplötzlich auch eine anderes Frauenbild, nämlich dass der Mutter, die zu Hause bei Ihren Kindern bleibt ohne gleichzeitig zur Glucke zu mutieren, zulässt?
Mit Sicherheit nicht. Nein, Frau Schwarzer und mit Ihr alle ach so Spagat-erprobten Mega-Multi-Tasking-Mütter, wissen genau um den Effekt eines Unwortes.
Unwort, suggeriert uns im ersten Moment tatsächlich die richtige Empfindung. Hier gibt es ein Wort welches sich selbst widerspricht, eine bizarre Wortschöpfung ist und in der Umgangssprache somit missbräuchlich eingesetzt wird. Doch wohl wissend um die mediale Wirkung eines solchen Unwortes, beschäftigt sich der Geist nicht eher mit dem Begriff der zum Unwort gekürt wurde, meist schon recht provokativ daherkommend, losgelöst vom Begriff Unwort? Ist es nicht so, dass lediglich der Begriff, in diesem Falle Herdprämie, im Kopf hängen bleibt und der Zusammenhang Unwort, sehr schnell wieder verschwindet?
In unserem Sprachgebrauch tritt genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung ein.
Das so genannte Unwort wird zum Schlagwort.
Ironisch -herabwertend wird es zunächst in vielen Witzen/Anzüglichkeiten verarbeitet. Anspielung werden mit dieser abwertenden Begrifflichkeit gewürzt. Doch irgendwann verliert sich die Ironie und schon haben wir einen weiteren Diffamierungsbegriff geschaffen, der eine außerordentlich psychologische Wirkung hat.
Das mulmige Gefühl, sich ständig für die Entscheidung die Kinder zu Hause zu betreuen, wird durch die Wahl des Unwortes Herdprämie, wie vielleicht beabsichtigt, nicht vertrieben, sondern noch verstärkt. Die Errungenschaft ein Unwort des Jahres zu wählen, setzt Verstärker in die falsche Richtung.
Bleibt nur eine Frage stehen: Wer profitiert von der jeweiligen Auswahl des Unwortes? In diesem Fall wohl eher nicht die Mütter und schon gar nicht die Familienpolitik.
Eindrucksvoll demonstriert wird die Umkehr der Wirkung im FAZ Artikel von Heike Göbel, 15.Januar 2007.
Zitat Heike Göbel FAZ: Herdprämie- Zu schade für den Sprachmülleimer
Eltern werden mit dem Begriff Herdprämie nicht deswegen bloßgestellt, weil sie zu Hause bleiben, um ihre Kinder zu erziehen, sondern weil sie sich für diese selbstverständliche und ureigenste Aufgabe vom Staat bezahlen lassen wollen." [...] In solchen Argumentationsketten wurzelt die deutsche Staatsverschuldung. Eine Subvention(Krippe, Kindergartenplatz) zieht die nächste (Betreuungsgeld) nach sich. Klientel um Klientel will bedient werden, an schönen Begründungen mangelt es nie. Sollte die "Herdprämie" dazu beitragen, die Einführung des Betreuungsgeldes zu stoppen, hätte sie einen Ehrenplatz im Wörterbuch verdient.
Erholsamer und durchaus als Lichtblick zu sehen ist, da doch der Artikel in Welt-Online, 15.01.2008:
"Herdprämie" Unwort des Jahres beleidigt viele Eltern
Mit der Entscheidung, "Herdprämie" zum Unwort des Jahres zu küren, ist die Diskussion um diesen Begriff nicht abgeschlossen. Ganz im Gegenteil. Sprachexperten weisen darauf hin, dass "Herdprämie" auf dem Weg ist, seinen ironischen Ursprung zu verleugnen. Die Folge: Das Unwort des Jahres diffamiert viele Eltern. [....]
Ein ziemlich doofes Wort und wahrscheinlich böse gemeint, aber völlig unerheblich für das, was wir an Sprachverwahrlosung heute zu beklagen haben", sagt der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN, Johann Strasser. " Was unsere Sprache wirklich krank macht, das ist die mediale Verkürzung von Aussagen zu Kurz-Statements, das schlampige "irgendwie", die Inflation der Superlative, die Verweigerung von Begründungen, der Zahlenfetischismus und die Scheinwissenschaftlichkeit." Die jährliche Kür des Unwortes sei "selbst ein Symptom der Sprachverwahrlosung, die sie vorgibt heilen zu können" und bewege sich auf dem Niveau von "Deutschland sucht den Superstar".
Durch Ihren Kommentar im Kölner Stadtanzeiger vom 16.01.2008, hat Claudia Meyer das Rüstzeug für eine Grundsatz-Diskussion zur Wahl des Unwortes bereits auf den Tisch gelegt:
Zitat Claudia Meyer KSta: [...] Machen wir uns lieber Sorgen um den Seelenzustand unseres Kardinals. Denn mit zunehmendem Alter setze ihm als ungerechtfertigt empfundene Kritik immer mehr zu, wie er kürzlich einräumte. Seine schlagzeilenträchtige Einlassung von der Kunst, die "entarte", wenn sie die religiöse Bindung verliere, schaffe es nach "klimaneutral" nämlich immerhin auf Platz drei der Babba-Liste. Wahrscheinlich wird Joachim Meisner nun erneut in tiefes Grübeln versinken, ob das denn wirklich so falsch war, was er seinerzeit zur Eröffnung seines schönen Museums Kolumba gesagt hat.
Der Ärmste, aber Hauptsache, die Sprachhüter haben mal darauf hingewiesen, dass durch die Nazizeit belastete Wörter zunehmend wieder normal gebraucht werden. Dabei gäbe es doch auch da viel schlimmere Wörter. Mein persönlicher Favorit: Autobahnen!
Nun kann man darüber streiten, welchen Sinn es macht, ein Unwort des Jahres zu küren.
Im Falle der "Herdprämie", kann man nur hoffen das der Bezug zum Unwort nicht verloren geht und das es entgegen der bisherigen Wirkung, zu einer weitsichtigen und ausgleichenden Familienpolitik führt, die von der Toleranz der verschiedenen Familienmodelle geprägt wird.
Andrea Schruff
sunnykids